Fitnessstudios und Corona – Teil der Lösung oder Teil des Problems?

In einem großen Teil Deutschlands sind die Fitnessstudios seit dem 2. Novemer 2020 geschlossen, in einigen Bundesländern ist die Öffnung für 2 Haushalte erlaubt. Allerdings möchten die Betreiber eines Fitnessstudios und viele Kunden eine schnellstmögliche Öffnung, denn schließlich fördert Sport unser Immunsystem. Schauen wir uns das mal etwas genauer an.

Was macht das Immunsystem?

Vereinfacht gesagt möchte das Immunsystem schädliche Eindringlinge neutralisieren, also Bakterien und Viren. Idealerweise passiert das während des Eindringens, kann aber auch später im Körper passieren. Natürlich müssen die unschädlich gemachten Eindringlinge auch wieder abtransportiert werden.

Woraus besteht das Immunsystem?

Das Immunsystem besteht aus 4 Bereichen:

  • Physiologischische Barrieren. Dazu gehört unter anderem die Haut, Härchen in den Atemwegen und der Magen-Darm Trakt
  • Antikörper. Diese Plasmaproteine zirkuieren passiv im Blut, immer auf Patrouille, ob bekannte Eindringlinge auftauchen
  • Zellen. Unter dem Sammelbegriff Leukozyten versammeln sich Lymphozyten (also B- und T-Zellen), Granulozyten, Makrophagen usw., ganz allgemein auch weiße Blutkörperchen genannt.
  • Physische Immunfaktoren. Die Botenstoffe des Nervensystems haben Auswirkungen auf die Botenstoffe des Immunsystems. Daher können Stress, seelische Unausgeglichenheit und Depression die physische Gesundheit schwächen

Für das Immunsystem gilt wie im Grunde für die ganze Gesundheit: Eine Kombination aus Sport, gesunder Ernährung, ausreichend Schlaf und Stressvermeidung ist ideal.

Immunsystem und Sport

Sport ist demnach nur ein Teil des Immunsystems, aber speziell im Coronafall durchaus gewichtig. Da das Virus weder über den Darm eintritt, noch wir dagegen Antikörper haben, kommt es auf unsere Zellen an: Leukozyten, B- und T-Zellen. Uns insbesondere in diesem Fall nutzt uns Sport und das während des Sports ausgeschüttete Adrenalin, um diese zu vermehren und auf Effektivität zu trimmen. Grob gesagt, werden dadurch einerseits Überreaktionen des Immunsystems ausgeglichen. Andererseits töten die T-Zellen vom Virus befallene Zellen und die B-Zellen bilden Antikörper. B- und T-Zellen arbeiten vor allem in den Lymphknoten, daher ist es wichtig die Lymphflüssigkeit auch durch den Körper zu pumpen, und das funktioniert durch Bewegung.

Welcher Sport ist am besten?

Im Ausdauerbereich gilt: mäßiges Training mit 40-60% der maximalen Herzfrequenz hat sich als ideal herausgestellt, und um Joggen als Beispiel zu nehmen: 15-25 Kilometer pro Woche. Höhere Herzfrequenz und/oder mehr Pensum ist weniger effektv. Zuviel Belastung ist sogar kontraproduktiv.

Im Kraftbereich hat sich vor allem Kraftausdauertraining als effektiv herausgestellt, also etwa 15-25 Wiederholungen in 45-90 Sekunden. Auch hier gilt: je höher die Intensität, desto geringer die Wirkung. Richtig knallhartes Krafttraining im sehr niedrigen Wiederholungsbereich ist ebenfalls eher schädlich.

Was bedeutet das für die Fitnessstudios?

Wie relevant ist das nun für ein Fitnessstudio? Nun, für moderates Ausdauertraining mit joggen oder radfahren brauchen die meisten kein Fitnessstudio. Kraftausdauer wird eher in Kursen trainiert, aber der „normale Pumper“ mit 6-12 Wiederholungen macht auch noch etwas für sein Immunsystem, auch wenn es anders besser geht. Mit 1-5 Wiederholungen trainieren vermutlich eher wenige, so dass sich sagen lässt, im klassischen Eisen stemmen Bereich wird etwas für das Immunsystem getan. Jedoch gilt auch hier, wenn ich mein Immunsystem trainieren möchte, kann ich das notfalls auch daheim mit Hampelmännern, Strecksprüngen, Kniebeugen, Liegestützte , Ausfallschritten, Situps und Klimmzügen. Die Motivation ist für viele im Fitnesstudio größer, keine Frage. Aber es ist nicht zwingend nötig ins Studio zu gehen um das Immunsystem zu stärken.

Gefahren im Fitnessstudio

Forscher der TU Berlin haben für verschiedene Innenräume berechnet, wie hoch die Ansteckungsgefahr ist. Dabei werden unter anderem Durchschnittsgrößen von Räumen und der unterschiedliche Luftausstoß von Personen einberechnet. Für Fitnessstudios mit 50% Belegung bedeutet das einen R-Wert von 3,4. Dabei sind Abstand halten, desinfizieren und lüften bereits einkalkuliert. Ein Problem hierbei: Die Berechnung gilt für den Wildtyp und nicht für die mittlerweile flächendeckend verbreitete Variante B 1.1.7. Diese ist mindestens 35% ansteckender. Wir können also von einem R-Wert von 4,5 augehen, wir rechnen aber der Einfachheit halber mit 4.

Kurz noch erklärt, warum ist das so hoch? Ganz einfach, beim Sport wird mehr geatmet, bei volle Belastung 10-15 mal so viel, das heißt auch deutlch mehr Virenausstoß. Zusätzlich wird auch dementsprechend mehr eingeatmet, daher besteht eine erhöhte Ansteckungsgefahr. Hier noch ein Vergleich mit anderen Innenräumen, von Theater bis Schule.

Eine Beispielrechnung

Was bedeutet ein R-Wert von 4? Der R-Wert gibt an in welcher Zeiteinheit sich die Zahl der Infizierten verdoppelt. 4 ist ein höherer Wert als wir bisher hatten und bedeutet eine Verdopplung alle 2-3 Tage.

Gehen wir mal von einer Sportverrückten autarken Kleinstadt namens „Fitti-City“ aus, mit 10000 Einwohnern, die fröhlich bei einer Auslastung von 50% ohne Maske trainiert, es herrscht also ein R-Wert von 4. Am 1. des Monats gibt es einen Infizierten und alle 3 Tage verdoppelt sich das. Wieviele sind am 1. des Folgemonats infiziert? Es sind 1024. Weitere 10 Tage später ist bereits die komplette Stadt infiziert. Bei einer Verdopplung alle 2 Tage sind bereits nach knapp 4 Wochen alle infiziert.

Etwas anders sieht es aus bei einer Auslastung von 30% mit Maske, hier ist der R-Wert 1,4, durch die britische Variante dann eher bei knapp 2. Das bedeutet eine Verdopplung alle 5 Tage, die originalen 1,4 wären alle 7-8 Tage. Es dauert einiges länger, bis alle infiziert sind, nichtsdestotrotz verbreitet es sich exponentiell. Obwohl das Fitnessstudio massiv Kunden reduziert. Obwohl jeder mit Maske trainieren muss. Und da wir alle ahnen wie gut trainieren mit Maske funktioniert können wir her mit falsch aufgesetzten Masken rechnen und damit wird der R-Wert wieder erhöht.

Folgen der Infektionen

Die britische Mutation ist nicht nur ansteckender, sondern auch tödlicher. Und das ziemlich deutlich. Allerdings sind mittlerweile viele Ältere und paar andere Risikopatienten geimpft, das senkt es wieder etwas. Trotzdem können wir von etwa 1% Todesfällen ausgehen, das sind dann in Fitti-City 100 Menschen. Velleicht auch mehr, denn im Fitnessstudio gilt auch zu beachten: Durch das verstärkte Einatmen gelangt das Virus direkt viel tiefer in die Lunge und eventuell dirkt ins Blut und befällt diverse Organe im Körper. Außerdem gibt es direkt nach dem Sport einen starken Abfall der weißen Blutkörperchen und das Immunsysten fährt herunter. Je intensiver das Training, desto länger braucht auch das Immunsystem um sich zu erholen.

Weitere rund 1000 haben langfristige Schäden von schweren Konzentrationsstörungen bis zum Erschöpfungssyndrom.

Soweit wird es natürlich nicht kommen, denn wir sind im Beispiel mit der Verdopplung alle 2 Tage nach nichtmal 2 Wochen bei einer Inzidenz über 1000 und der anschließende Lockdown, in dem wirklich gar nichts erlaubt und alles geschlossen ist, dauert mindestens 6 Wochen um die Zahlen wieder auf ein akzeptables Niveau zu bringen. Herzlichen Glückwunsch, da hat sich das öffnen ja gelohnt.

Gab es bisher denn Infektion in Fitnessstudios?

Im Fitnessbereich wird gerne damit geworben, dass es „nachweislich“ keine Infektionen gegeben hat. Das ist natürlich völliger Quatsch. Beim überwiegenden Teil der Infektionen ist nicht bekannt, wo diese stattgefunden haben. Wie soll dann jemand nachweisen, dass im Fitnessstudio keine Infektion stattgefunden hat? Wir haben auch keine Nachweise über die Ubahn oder den Supermarkt, die Nachverfolgung ist in diesem Maße auch völlig unmöglich. Wenn es nicht einen Massenausbruch gibt, der auf einen Ort zurückzuführen ist, dann lässt sich das nicht herausfinden. Was wir wissen ist, innerhalb von Räumen ist die Ansteckungsgefahr wesentlich größer als draußen, warum sollte das ausgerechnet in einem Fitnessstudio anders sein? Wer das ernsthaft behauptet verlässt den Pfad jeglicher Vernunft.

Fazit

Natürlich ist nicht gesagt, dass in jedem Studio jemand auftaucht, der infiziert ist. Solange die Infektionen steigen ist allerding auch die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, das infizierte Personen im Studio auftauchen. Symptomlos, oder ansteckend bevor er oder sie Symptome entwickelt und dann haben wir den Salat, trotz irgendwelchen Hygienekonzepten. Das lässt sich nicht verhindern.

Außerdem: Das Immunsystem ist nicht nach paar mal Hanteln schwingen superfit, das ist ein Prozess, der sich über Monate hinzieht. Und ein besseres Immunsysten verhindert die Wahrscheinlichkeit einer schweren Infektion, nicht aber die Infektion ansich. Der Nutzen der potentiellen Öffnung von Fitnessstudios in Sachen Immunsystem, vor allem weil ich das auch daheim boosten kann, ist im Vergleich zu den Gefahren verschwindend gering. Eine generelle Öffnung ist derzeit nicht zu empfehlen. Außenbereiche sind übrigens ein anderes Thema, das hier aber nicht beleuchtet wird.

Nichtsdestotrotz ist eine Öffnung der Fitnessstudios so schnell wie möglich anzustreben, es gibt schließlich noch andere Themen als Corona. Natürlich spielen Studios eine große Rolle für die allgemeine und spzielle Gesundheit, natürlich ist Krafttraining nahezu jedem zu empfehlen, zur Prävention im Alter, für den Rücken, gezieltes Training um Probleme anzugehen usw und ich kann jedem nur empfehlen sich in einem Fitnessstudio anzumelden. Die Schließung des Sports während Corona wird langfristig noch große Probleme machen, das steht außer Frage. Und jetzt erzähl ich euch, wie das Öffnen am schnellsten funktioniert.

Perspektive Fitnessstudios öffnen!

Im Grunde geht es den Fitnessstudios wie vielen anderen Teilen der Wirtschaft, z.B. dem Einzelhandel oder der Gastronomie. Und das Problemm ist, alle fordern die Öffnung. Damit sorgen sie aber für eins: länger geschlossen bleiben. Die Forderung nach Öffnungen aus großen Teilen der Wirtschaft sorgt dafür, dass die Politik einen halbseidenen Kurs fährt (und natürlich die Inkompetenz der Politik ansich). Der Autor dieser Zeilen möchte auch am liebsten sofort wieder in sein Studio gehen. Aber es ist ganz einfach: öffnen bedeutet länger schließen. 2 Wochen alles öffnen verlängert den anschließenden Lockdown um 2 Monate.

Das Gute am R-Wert ist, es gibt nicht nur exponentielles Wachstum, auch in die andere Richtung geht es exponentiell bergab. Ein Wert von 0,5 bedeutet eine Halbierung der Inzidenz in 1 Woche.

Die richtige Lösung ist demnach einzig und allein: alles schließen. Die Schulen, die nicht lebensnotwendige Wirtschaft, die Urlaubsflüge canceln. 3 Wochen alles dicht machen was geht, dann ist die Inzidenz so weit unten, dass wir mit impfen und einer guten Teststrategie ALLES öffnen können. In nur 3 Wochen! Oder aber weiter rumjammern und noch monatelang geschlossen sein. Das ist alles. So enfach kann es sein.

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